Im September 1879 schrieb Sissis Hofdame und engste Vertraue, Marie Festicts, in ihr Tagebuch: „Elisabeth kommt mir vor wie ein Kind aus der Feenwelt: Da kamen viele gute Feen und legten ihr eine schöne Gabe in die Wiege, Schönheit, Lieblichkeit, Anmut, Vornehmheit, Einfachheit, Güte, Edelmut, Geist, Witz, Schamhaftigkeit, Scharfsinn und Klugheit. Da jedoch kam die böse Fee und sagte: „Alles hat man dir gegeben, wie ich sehe Alles. Ich aber werde nun alle diese Eigenschaften gegen Dich selber kehren und es wird dir keine Freude daraus erblühen (…)“!
Alles beginnt mit einer unbeschwerten Kindheit auf dem Lande:

Eine unbeschwerte Kindheit

Sissi wurde am 24. Dezember 1837 als Kind des bayerischen Herzogs Max und seiner Frau Ludovika in München geboren. Die Freude der Eltern und Anverwandten war groß, hatte doch nach dem erstgeborenen Stammhalter Ludwig und der nachfolgenden Tochter Helene nun ein drittes Kind wohlbehalten und gesund das Licht der Welt erblickt. Und es schien, als sollte das Leben des Neugeborenen unter einem guten Stern stehen. Denn nicht nur der weihnachtliche Geburtstag galt im katholischen Bayern als Besonderheit. Sissi war auch ein Sonntagskind und darüber hinaus mit einem Zahn zur Welt gekommen – ein Glückskind, wie es in der Familie hieß.

Gespannte Erwartungen und Gesprächsstoff über die Zukunft der Kleinen gab es daher genug, als den damaligen Gepflogenheiten gemäß die hochadlige Verwandtschaft sich kurz nach der Geburt aufmachte, Mutter und Kind ihre Aufwartung zu machen. Wohl keiner der zahlreichen Gratulanten wird jedoch auf die Idee gekommen sein, dass die kleine Elisabeth Amalie Eugenie, wie sie am 26. Dezember getauft wurde, einmal den mächtigen Herrscher des Habsburger Reiches heiraten und an der Seite Franz Josephs I. die österreichische Kaiserkrone tragen sollte.

Sissis eigentliche Heimat war Possenhofen.. Von einem Schloss zu reden, war allerdings leicht übertrieben. Das Haus glich äußerlich eher einer großen Villa, und auch bei der Innenausstattung hatte man auf jedweden Prunk verzichtet und dafür umso mehr Wert auf zweckmäßige, familiäre Gemütlichkeit gelegt. Denn an einem steifen, repräsentativen Ambiente war weder Max noch Ludovika gelegen. Und noch in einer anderen Sache war sich das sonst so ungleiche Ehepaar einig: seiner Liebe zur Natur, die sich auch auf alle Kinder übertragen hat. Diese Naturverbundenheit hatte den Ausschlag für den Kauf Possenhofens gegeben. Denn das mit Weinreben und Efeu umrankte Landschlösschen lag inmitten einer herrlichen Landschaft. Vom Schloß aus hatte man einen wunderbaren Blick auf die Berge, und es gab einen riesigen Park, der bis an den Starnberger See reichte. Selbst Herzog Max entwickelte hier eine gewisse Sesshaftigkeit, und für die Kinder war Possenhofen das reinste Paradies. Unbeschwert tollten sie durch die Parkanlagen, kletterten auf Bäume und spielten Fangen, machten lange Ausritte, schwammen, ruderten, segelten und schleppten die zahlreichen Stallhasen, Katzen und Hunde, die jedes von ihnen besaß, durch die Gegend.

Im herzoglichen Haus herrschte ein warmer und vertraulicher Ton. Man sprach breitesten bayerischen Dialekt und hatte für alles und jedes, was einem teuer war, einen liebevollen Spitznamen bereit. Elisabeth nannten alle nur Sissi, bisweilen auch Sissy, zumeist aber Sisi geschrieben. Helene war Nené, Karl Theodor wurde Gackl gerufen, Mathilde hieß Spatz und Max Emmanuel Mapperl. Ludovika wurde von allen nur Mimi genannt, und das geliebte Possenhofen war Possi. Ein herzliches Einvernehmen herrschte jedoch nicht nur unter den Geschwistern, sondern auch gegenüber anderen Kindern. In München waren die Söhne und Töchter der bürgerlichen Freunde von Max willkommene Spielgefährten, und in Possenhofen tobte der herzogliche Nachwuchs mit den Bauernkindern durch die Gegend. Ludovika wird diesen Umgang nicht unbedingt begrüßt haben, aber hier setzte sich schließlich die Offenheit und liberale Gesinnung des Herzogs durch.

Der liberale Stil von Max prägte nicht nur den Umgang, sondern auch die Erziehung seiner Kinder. In anderen Familien des Hochadels wurde strikt auf Etikette geachtet, mussten die Kinder ihre Eltern siezen und setzte schon früh ein umfassender Erziehungsdrill ein, der die Kleinen durch strenge Disziplin und einen umfassenden Lernstoff auf ihre späteren Pflichten vorbereiten sollte. Im herzoglichen Haus jedoch gingen die Uhren anders. Weder Max noch Ludovika legten Wert auf Etikette, es herrschte das vertrauliche Du, und auch mit der höfischen Bildung wurde es nicht so genau genommen.

Zwar startete Ludovika immer wieder ein umfangreiches Erziehungsprogramm. Ganze Heerscharen von Gouvernanten und Lehrern bevölkerten dann das Herzog-Max-Palais und wurden im Sommer in Wagenladungen nach Possenhofen gekarrt. Aber der stürmischen Rasselbande wat schwer beizukommen, und weder Ludovika noch Max stand der Sinn nach autoritären Disziplinierungsmaßnahmen. Sissi war dabei das unruhigste unter allen Herzogskindern. Man habe sie zum Lernen förmlich am Stuhl festbinden müssen, berichtete ihre Gouvernante Frau von Wulften später. Und am schlimmsten war es in Possenhofen, denn dort zog es Sissi fast magisch nach draußen, in den Garten, an den See und in die Wälder.

Wenn der Herzog einmal bei seinen Kindern vorbeischaute, war es aber ohnehin mit dem Lernen vorbei. Dann wurde der Unterricht kurzerhand ausgesetzt, und Max erzählte von seinen Reisen oder nahm seinen Nachwuchs auf lange Wanderungen mit. Dabei lag auch dem Herzog die Ausbildung seiner Kinder am Herzen, nur hatte er – seinem Naturell entsprechend – recht unkonventionelle Lernziele. Richtig gehen und wandern sollten insbesondere seine Töchter lernen, und so wurde eigens ein eigener Lehrer engagiert, der den kleinen Mädchen nach dem Vorbild der Schmetterlinge einen schwebenden Schritt beibringen sollte. Höchste Priorität besaß aber auch die Reitausbildung. Anmutig und festgewachsen, wie kleine Zirkusprinzen und -prinzessinnen, sollten die Kinder im Sattel sitzen. Und Sissi zeigte von allen das größte Talent. Mit einem ausgezeichneten Gespür für Pferde versehen und einem noch größeren Wagemut, konnte sie schon bald akrobatische Kunststücke auf dem Rücken der Pferde vollführen, was Max mit großem Stolz erfüllte. »Wanns wir nit Prinzen wär’n, wär’n mer Kunstreiter wor’n«, sagte er einmal zu ihr. Eine Bemerkung, die Sissi nie vergessen sollte und sich stets zu Herzen nahm. Noch als Kaiserin eilte ihr der Ruf voraus, eine der kühnsten Reiterinnen ihrer Zeit zu sein. Nicht zuletzt aufgrund dieser Verwegenheit und ihres ungestümen Freiheitsdrangs, in denen sich Max nur zu gut wiedererkannte, war Sissi die Lieblingstochter des Herzogs. Sie war es auch, die er hin und wieder auf seine Inkognito-Besuche in den Dorfwirtshäusern der Umgebung mitnahm. Max spielte dann als fahrender Musikant auf seiner Zither, und Sissi sammelte anschließend das Geld ein. Die Ausbeute konnte sich stets sehen lassen, denn dem Charme der Kleinen war schwer zu widerstehen. Die Münzen, die Vater und Tochter einheimsten, durfte Sissi behalten, und noch als Kaiserin stellte sie mit Stolz fest, dass dies das einzige Geld gewesen sei, das sie in ihrem ganzen Leben selbst verdient habe.

Aber nicht nur die Gasthausbesucher, auch Ludovika konnte dem Charme ihrer Tochter nur schwer widerstehen. Wenn die Kinderbande im herzoglichen Hause etwas ausgefressen hatte, so wurde stets Sissi vorgeschickt, um den Zorn der Mutter zu besänftigen. Und in der Regel gelang ihr das auch, wie die Geschwister später berichteten. Aber Sissi war nicht nur die Tochter ihres Vaters, der charmante, ungestüme Wildfang. Auch von ihrer Mutter hatte sie einen entscheidenden Charakterzug geerbt: die Menschenscheu. Sobald es darum ging, nicht nur im Gasthaus den Hut herumzureichen, sondern mit Fremden in ein Gespräch zu kommen, die Freunde und Gäste von Herzog Max zu begrüßen oder den etwas steifen adeligen Verwandten in München einen Besuch abzustatten, befiel sie eine extreme Schüchternheit. »Bei meinen Eltern und im Freien bin ich am glücklichsten«, bekannte schon die Zehnjährige.

Anders aber als bei der nüchternen Ludovika, war bei Sissi die Schüchternheit mit einer großen Verträumtheit gepaart. Wenn es sie einmal nicht ins Freie trieb, konnte sie stundenlang auf ihrem Zimmer vor sich hinträumen und sich kleine Geschichten ausdenken. Als Backfisch griff sie dann selbst zur Feder und brachte – und auch hier ganz die Tochter ihres Vaters – in kleinen Gedichten ihre romantischen Gefühle und Stimmungen zum Ausdruck. Und man ließ sie gewähren. Ja, ihre Gouvernante Baronin von Wessel ging sogar soweit, Sissi dem Zugriff ihrer energischen und dominanten älteren Schwester Helene zu entziehen, damit sich das weichere Naturell ihres Zöglings besser entfalten könne. Sissi schloss sich daraufhin eng an ihren jüngeren Bruder Karl Theodor an, der zu ihrem auserkorenen Liebling und Spielgefährten wurde. Beide Kinder fühlten sich wesensverwandt. Stundenlang konnten sie sich Geschichten erzählen und mit ihrem Puppentheater selbst verfasste Stücke aufführen. Gackl – wie sie Karl Theodor nannte – spielte Sissi auf der Geige vor, die ihm wiederum ihre Verse vortrug, begeistert besuchten beide mit ihrem Vater das Theater und schenkten sich wechselseitig Gedichtbände. Sissis Kindheitsjahre waren ein Fest. Unbeschwert lebte sie mit den Geschwistern in der Geborgenheit ihrer Familie und dem ländlichen Idyll von Possenhofen. Frei konnte sie ihre Neigungen ausleben und fand für ihre Sorgen und Sehnsüchte stets ein offenes Ohr, sei es bei den Eltern oder den Geschwistern. Die bayerische Kindheit Sissis war eine Art Glücksvorrat, von dem sie ihr Leben lang zehren konnte. Aber sie war auch ein Glücksversprechen, dass die Zukunft nicht erfüllen sollte. Die Sehnsucht nach der unbeschwerten Possenhofener Idylle war es, die es einmal verhindern würde, dass Sissi in der mondänen Welt des Wiener Kaiserhofes heimisch wurde. Ihr Leben als Kaiserin glich fast einer langen Suche nach dem verlorenen Glück ihrer bayerischen Kindheit.

Quellennachweis:
Text und Bilder sind vom Rechteinhaber autorisierte Auszüge des Werkes:
Sissi – Wahrheit und Legende
© Originalausgabe 1998 by: Serges Medien, Köln und Solingen

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